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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Differenzierte Debatte über sexuellen Missbrauch

Sexueller Missbrauch ist auch ein Thema auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag. Kurzfristig nahm man für Donnerstagabend noch eine Podiumsdiskussion ins Programm – und verlegte sie aufgrund des großen Andrangs in eine der größten Messehallen, die dann aber nur etwa zur Hälfte gefüllt war.

„Kirchentage haben auch die Aufgabe hinzusehen und Botschaften ins Land zu senden“, beendete der evangelische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel seine Eingangsworte. Zuvor hatte er die Zuhörer erinnert, dass hinter dem abstrakten Wort „Missbrauchsfälle“ stets konkrete Menschen stehen: „Um ihr Leid, um ihren Schmerz muss es gehen.“

Christine Bergmann: "Opfern widerfuhr doppeltes Unrecht"

Die ehemalige Familienministerin und jetzige Beauftragte der Bundesregierung für Missbrauchsopfer, Christine Bergmann, sprach in diesem Zusammenhang vom „doppelten Unrecht“, das den Opfern widerfahren sei: durch die Tat selbst und durch die verweigerte Hilfe. Deshalb sei es so wichtig, Unrecht wie Täter klar zu benennen und den Opfern Hilfsangebote zu machen.

Fehlen ausreichender Beratungsangebote beklagt

Was aber hilfreich ist, darüber gingen die Meinungen auseinander. In der sehr sachkundigen und differenzierten Diskussion kritisierte der Psychologe und Notfallseelsorger Christoph Fleck „unprofessionelle mediale Berichterstattung“, durch die bereits verheilte seelische Wunden bei Opfern wieder aufgerissen würden.

Debatte schärft das Bewußtsein

Dagegen freute sich Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch „Zartbitter Köln“, über die öffentliche Debatte: „Das schärft das Bewusstsein.“ Sie vermisst jedoch „flächendeckende Beratungsangebote“ – vor allem für sexualisierte Jugendliche, die ihre Missbrauchserlebnisse an Jüngeren nachspielten, und inzwischen selbst eine große Tätergruppe darstellten.

Unterversorgung der Beratungsstellen

Sabine Hufendiek, die in Berlin Traumatherapeuten ausbildet, erklärte, mit welchen Problemen ihre Branche konfrontiert ist: Fortbildungen kosten viel Geld, zugleich sind die Beratungsstellen schlecht bezahlt und ihr Bestand oft unsicher. Die „wahnsinnige Unterversorgung“ habe sie gerade am eigenen Leib erlebt, denn allein aufgrund ihrer Nennung im Kirchentagsprogramm hätten sich vier Menschen hilfesuchend bei ihr gemeldet.

Familienrichterin plädiert für schwedisches Modell

Recht einig war man sich bei der Frage, ob Täter sofort angezeigt werden sollten. Fleck und Enders, die täglich mit Betroffenen arbeiten, sprachen sich klar dagegen aus. „Bei Missbrauch in Institutionen ist das wie ein Knebel“, sagte Enders. Die Kinder stünden dann meist als Mitschuldige da. Die ehemalige Familienrichterin Christa Seeliger aus Bonn sieht ein weiteres Problem darin, dass missbrauchte Kinder fünf Anhörungen über sich ergehen lassen müssen. Sie plädierte deshalb für das „schwedische Modell“: Dort kümmert man sich sofort zunächst um das Wohlergehen des Kindes und erspart ihm jede unnötige Aussage.

Jeder Einzelne ist verantwortlich

Zum Schluss appellierte Enders an die Verantwortung jedes Einzelnen: Kinder könnten ihren Missbrauch oft nicht verbal artikulieren. Deshalb müsse man ein „gesundes Misstrauen“ entwickeln, wenn Erwachsene sich „grenzverletzend und respektlos“ gegenüber Kindern verhielten – und das auch zur Sprache bringen. Auch Hufendiek forderte „mehr Empathie für Kinder“. Und Ex-Richterin Seeliger rückte die viel kritisierte Sexualmoral der katholischen Kirche in ein anderes Licht: Durch ihre lange Erfahrung mit dem Zölibat, wisse sie viel über „die Beherrschung der Triebe“ und solle dies an andere weitergeben.

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