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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Die Zukunft des Gehirns

Parkinson, Alkoholabhängigkeit, Depression oder psychiatrische Krankheiten heilen können? Ja, sagt der Kölner Neurochirurg Volker Sturm. „Ich glaube, dass wir Hoffnung haben können.“ Sturm setzt auf eine neue Methode, die sich Tiefenhirnstimulation nennt. Er vergleicht diesen Eingriff mit dem Einsetzen eines „Schrittmachers“ ins Gehirn.

Die Beispiele, die er während seines Kurzvortrags präsentiert, beeindrucken das Publikum: Ein 60-jähriger Patient, der seit 16 Jahren unter Parkinson leidet, seine Hände kaum bewegen und nicht mehr alleine aufstehen kann, läuft ein Jahr nach der Operation wieder wie ein gesunder Mensch den Gang auf und ab.

Warnung vor Manipulation des Gehirns

Sturm warnt jedoch, dass mit derselben Methode auch die Möglichkeit der Manipulation des Gehirns bestehe, dass damit die freie Willensentscheidung oder auch die Hirnleistungen gesunder Menschen beeinflusst werden könnten. „Ich halte das für hochgefährlich und lehne das ab“, sagt Sturm. „Schwere Krankheiten lindern oder heilen, aber wir dürfen nicht in die natürliche Evolution eingreifen.“

Der Psychiater und Neurologe Hans Förstl beschäftigt sich auch mit der Behandlung von Krankheiten. Er zeichnet die geschichtliche Entwicklung von Diagnose und Therapie nach. Die Zukunft der medizinischen Behandlung gehe dahin, dass aufgrund von einer genauen Untersuchung von Genen und Umwelteinflüssen festgestellt werden kann, worunter ein Patient in Zukunft möglicherweise erkranken könnte. Die Folge: präventive Eingriffe.

Hirndoping möglich?

An dieser Stelle schließt er an Sturm an: Wenn jemand schon bei einem Säugling feststelle, dass das Kind durch eine schwächere Gehirnleistung Nachteile haben könnte, wäre „Hirndoping“ ein möglicher Eingriff. Auch Förstl sieht dies als gefährlich an. Ein anderer Effekt den er erwähnt, nennt sich „Looping“: „Wenn wir neue Krankheitsbilder entdecken, wird es Patienten geben, die sagen, ‚Ich habe das auch.’“


Roboter sollen der alternden Gesellschaft helfen


Eine ganz andere Zukunft des Gehirns prognostiziert der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer. Er spricht über die Robotik und künstliche Intelligenz. Seiner Meinung nach bedarf
es „in unserer immer komplexer werdenden Zivilisation autonomer und adaptiver Systeme, die unsere Lebensqualität verbessern.“ Damit sind Roboter gemeint – vor allem in Hinblick auf eine alternde Gesellschaft.

Ethische Maßstäbe für Symbiose von Mensch und Maschine

Mainzer geht nicht davon aus, dass kognitive Roboter vollständig für jede Anwendung unseres Gehirns programmiert werden können, führt aber Beispiele an, bei denen zum Beispiel Emotionen, die durch Gesichtsausdrücke transportiert werden, von bestimmten Robotern erkannt und beantwortet werden können. Seine Bedenken: Die künstliche Intelligenz kann möglicherweise irgendwann auch eine Eigendynamik entwickeln. Das berge Gefahren, sagt Mainzer. „Die Symbiose von Mensch und Maschine erfordert klare ethische Maßstäbe!“

Was ist wahr und was ist falsch?

Der Hirnforscher Wolf Singer beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und mit dem, was wir für „wahr“ oder „falsch“ halten. Dass es diese Unterscheidung eigentlich nicht gibt, führt er auf die Annahme zurück, dass Wissen kulturspezifisch ist und dass jeder Mensch ein durch die Evolution bedingtes Wissen in sich trägt, dessen er sich nicht bewusst ist. „Jeder hat das Recht, das für wahr zu halten, was er wahrnimmt“, sagt Singer und fordert einen neuen Toleranzbegriff.

Schnittstelle zwischen Theologie und Neurowissenschaften

Die Theologin Christina Aus der Au Heynemann forscht als eine der wenigen an der Schnittstelle zwischen Theologie und Neurowissenschaften. Sie stellt keine Thesen über die Zukunft des Gehirns auf, sondern regt mit Fragen das Nachdenken über die Zukunft unseres Gehirns an: Welcher Raum bleibt der menschlichen Reflexion? Können Computer, die letztlich auf Zahlenkombinationen von eins und null basieren, Gedanken oder Gefühle entwickeln? Gibt es wirklich keine „wahren“ oder „falschen“ Wahrnehmungen, sondern nur noch mehr oder weniger gesellschaftsverträgliche?

Mein ÖKT