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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Priester unter zwei Diktaturen

Hermann Scheipers: Einer der letzten Überlebenden des KZ Dachau Foto: Stefan Drehmann

Hermann Scheipers ist einer der letzten lebenden Priester, die das Konzentrationslager Dachau überstanden haben. Im Karmelkloster Heilig Blut neben der Gedenkstätte sprach er heute über seine Erlebnisse in Gefangenschaft der Nazis und seine Zeit als systemkritischer Pfarrer in der DDR.

"In meiner Schulzeit in den Zwanziger Jahren habe ich von einigen Diktaturen gehört, in Spanien, Portugal und Italien. Aber das waren gewöhnliche, primitive Systeme, da ging es nur um politische Macht. Was der Einzelne dachte, interessierte nicht." Der katholische Priester Hermann Scheipers sollte in seinem Leben noch andere Diktaturen kennenlernen. Diktaturen, die alles daran setzten, das Denken der Menschen zu kontrollieren.

"Man nennt den Nationalsozialismus und den Kommunismus deshalb totalitäre Systeme, weil sie den ganzen Menschen vereinnahmen wollen, sein Herz, seine Seele", sagt Scheipers. Sie verlangten Hingabe und Glaube an das Regime. Das sei etwas, was nur Gott von den Menschen verlangen könne.

Während er das spricht, sitzt Scheipers hinter einem kleinen Tisch im Altarraum der Klosterkirche Heilig Blut auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. 96 Jahre ist er alt, doch wirkt er frisch, beinahe vergnügt. Kaum vorstellbar, dass er an diesem Ort die schlimmsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Am Anzug trägt er ein Stück seiner alten Häftlingskleidung, mit einer Nummer und dem roten Winkel, dem Zeichen, das ihn als politischen Gefangenen auswies. 

Rettung durch die Schwester

Scheipers war Kaplan im sächsischen Hubertusburg, als er 1940 von der Gestapo als Staatsfeind verhaftet und nach Dachau gebracht wurde. Die Anklage besagte, er habe "in freundschaftlicher Weise mit Angehörigen feindlichen Volkstums verkehrt". Scheipers hatte einen Gottesdienst für polnische Zwangsarbeiter gehalten.

 

Hermann Scheipers zieht die Zuhörer mit seinen Berichten in den Bann. Foto: Stefan Drehmann

In Dachau arbeitete er mit anderen Geistlichen auf einer Plantage, bis er eines Tages beim Appell einen Schwächeanfall erlitt und in den Invalidenblock gebracht wurde. "Das war ein Todesurteil, denn alle, die nicht arbeiten konnten, wurden weggebracht und vergast", erzählt Scheipers. Doch er hatte Glück. Mit Hilfe eines Codes ließ er seine Zwillingsschwester Anna wissen, dass sein Leben bedroht war.

Und Anna kämpfte auf dem Reichssicherheitshauptamt um das Leben ihres Bruders. Sie behauptete, im Münsterland, aus dem die Familie stammte, sei es bekannt, dass in Dachau Priester vergast würden. Das bewog die NS-Beamten dazu, alle Priester aus dem Dachauer Invalidenblock zu verschonen.

15 DDR-Spitzel waren auf ihn angesetzt

Nachdem das KZ Dachau 1945 aufgelöst worden war, gelang Scheipers bei einem Gefangenenenmarsch die Flucht. Er überlebte die letzten Tage des Krieges und kehrte als Pfarrer in das Bistum Dresden-Meißen zurück. In der DDR machte er sich einen Namen als Systemkritiker. "Ich erfuhr später aus meiner Stasi-Akte, dass auf mich 15 Spitzel wegen staatsfeindlicher Hetze angesetzt waren", sagt er. 

Scheipers schildert seine Lebensgeschichte mit Witz und Feinsinn und begeistert damit seine Zuhörer. "Er strahlt aus, dass er seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht hat", sagt eine Teilnehmerin nach dem Gespräch, das mit stehenden Ovationen und Autogrammbitten zu Ende gegangen ist. Scheipers zeigt sich von dem Andrang überrascht: "Ich hab nicht damit gerechnet, dass das hier abgeht, wie frische Semmeln!" Stefan Drehmann

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