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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Bascha Mika spricht über Zorn und Gerechtigkeit

Finanzkrise, Klimakatastrophe, Frauenfeindlichkeit in der katholischen Kirche – was die Journalistin Bascha Mika ihrem Publikum im Namen des Genesis-Evangeliums vorsetzte, hätte für eine ganze Zeitungsausgabe gereicht.

„Das riesige Boot, die vielen Tiere, der bunte Bogen im Himmel – als Kind war die Geschichte von Noah für mich wie ein Märchen.“ Die Journalistin und ehemalige taz-Chefin Bascha Mika hat ihre erste Bibelarbeit wie eine Kinderbuchautorin begonnen – und wie eine Wahlkämpferin beendet.

Noahs Geschichte ist die Geschichte der Hoffnung, passend zum Motto des 2. Ökumenischen Kirchentags. Der Hoffnung, dass auf Katastrophe und Zerstörung ein Neubeginn folgt. Ein Regenbogen besiegelt das Bündnis zwischen Gott und den Menschen. „Doch jedes Bündnis hat zwei Seiten“, mahnt Mika gleich zu Beginn. „Und wir sind kurz davor, unseren Teil des Versprechens in einem Wimpernschlag der Geschichte zu vermasseln!“

Von der biblischen Mythologie ins Hier und Jetzt: Bascha Mikas diskursiver Bogen ist schnell gespannt. Die Farben des Regenbogens erinnern sie an Tugenden und Laster, die die Zukunft retten oder zerstören können: rot wie der Zorn, orange wie die Weisheit, gelb wie die Habgier, grün wie die Mäßigung, blau wie der Mut und violett wie die Gerechtigkeit.

Auf dem Podium des Kirchentags wird Bascha Mika wieder zur Chefredakteurin; sie zitiert aus aktuellen Agenturmeldungen und zieht alle Register: Von der Finanzkrise über die drohende Klimakatastrophe bis hin zur Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche.

„Uns fehlt der Zorn!“ Erstaunte Blicke aus Gesichtern, die zu lächeln gewohnt sind. Mika lächelt zurück ins Publikum. Mit Zorn meint sie keine dumpfe Stammtischwut, keine brennenden Barrikaden, sondern spontane Zivilcourage: „Wenn in Deutschland demonstriert wird, dann nur auf Anraten der Gewerkschaft auf festgelegten Bahnen.“ Wie könne es sein, dass die Polizeigewerkschaft einen Bundestagspräsidenten zum Rücktritt zwingen will, weil er gegen Nazis demonstriert hat. Mika reckt sich hinter dem Pult: „Ohne Zorn auf die Verhältnisse wird es keine Zukunft geben!“

Gründe, um zornig zu sein, gibt es für die Journalistin genug: „Die katholische Kirche hat eine eklatante Konstruktionsschwäche.“ Da heben sie sich, die hundert Köpfe im Publikum – einige erschrocken, andere erleichtert, alle wach. „Wie kann es sein, dass Frauen die Kirchen putzen müssen, aber nicht vorm Altar stehen dürfen?“ Die Missbrauchsskandale seien nur das Symptom, das System kranke an seiner rigiden Sexualmoral, an Homophobie, am Zölibat – und letztlich an seinem Hass auf das Weibliche.

„Der Papst gibt zwar gerne den Weltbürger, aber in Frauenfragen unterscheidet er sich kaum von einem Ayatollah. Die katholische Diskriminierungspraxis gehört nicht in die Kirche, sondern vor den Europäischen Gerichtshof.“ Der Herzschlag der Halle setzt für einen Moment aus, dann bricht Jubel aus. Frauen und Männer im Publikum wippen aufgeregt auf ihren Papphockern, als wollten sie aufspringen und stehende Ovationen geben.

Doch einseitige Kritik ist nicht Mikas Sache. Von den polnischen Großeltern in den 50er Jahren katholisch erzogen, konvertierte sie später zum Protestantismus. „Das nächste Mal knüpfe ich mir die evangelische Kirche vor“, sagt sie im Gehen und lächelt versöhnlich. Kritik im Zeichen der Ökumene.  Christina Felschen

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