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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Gastgeber an der längsten Tafel

Drei Studenten stehen am Rand einer Sitzbank in der Theatinerkirche. Aus Berlin sind sie angereist. Mit dem Sonderzug. Zehn Stunden hätten sie für die Strecke Humboldt Universität Berlin – Ökumenischer Kirchentag München gebraucht. Und die Ökumenische Vesper sei einer der Höhepunkte ihres Besuchs.

„Ja klar, jetzt sind wir schon echt typische Helfer, so als Theologiestudenten“ tönt es aus der Dreierformation, die aus Katrin Koelmann, Florian Oepping und Sebastian Erdbeer besteht. Stimmt, ein bisschen sehen sie wie Theologiestudenten aus. Aber das könnte man fast von allen Kirchentagsbesuchern unter 30 behaupten. Abenteuerlustig, rotbackig und ein wenig alternativ.

Eingeladen sind Alle: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe und Konfessionslose

Die Kirche ist bis auf den letzten Platz und die letzte Bodenplatte gefüllt – mit Gästen, die in drei Stunden selbst zu Gastgebern werden. Gastgeber der orthodoxen Vesper am Münchner Odeonsplatz. Eingeladen sind dazu Alle: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe und auch die, die konfessionslos und vielleicht nur zufällig am Platz vorbeiflanieren. An tausend Tischen sollen in drei Stunden tausend freiwillige Tischbegleiter ein gemeinsames Mal veranstalten, Wasser ausschenken und vom orthodoxen Erzpriester geweihtes Brot mit den Tischnachbarn teilen. Die Brote werden von 150 Mitgliedern der orthodoxen Gemeinde München an die Tische verteilt. Kein Oktoberfest, aber Bierbänke soweit das Auge in die Straßenschlucht reicht. Vom Odeonsplatz bis zur Ludwig-Maximilians-Universität.

Brotträger werden zu Ideenträgern

In der Theatinerkirche haben sich die Organisatoren und ein Pfarrer vor den tausend künftigen Gastgebern postiert. Neben Gesang und Gebet dient die Veranstaltung vor allem der Einweisung, wie man denn nun den Tisch zu decken hat. Ein Karton gibt die Utensilien preis. Orangenes und weißes Tischtuch, Tonkrug mit Bechern, Äpfel, Öl, Wasser und Servietten. Wie ein Flugbegleiter, der den Sicherheitscheck vor dem Start macht, demonstriert er jede Handbewegung, die zum perfekten Tisch führt. Es gibt aber auch eine philosophisch-spirituelle Botschaft: Die Brotträger werden zu Ideenträgern. Und die Tischherren- und Damen zu Botschaftern der gegenseitigen Toleranz innerhalb der ökumenischen Gemeinschaft.

Lukas 9 statt Johannes 9

Für die drei Berliner ist die Einweisung vorbei. Am Kirchenportal steht die andere Helfergruppe. Die Griechisch-Orthodoxen, die, etwas eleganter gekleidet und angeführt vom Erzpriester Apostoles Malamoussis, nun ihrerseits eine Einführung erhalten. Eine halbe Stunde noch, dann können sich Katrin, Florian und Sebastian ihren Karton abholen. Zeit zum Diskutieren. Darüber, dass auf dem eigens für diese Veranstaltung gedruckten Ablaufplan die falsche Bibelstelle vermerkt ist: Lukas 9 statt Johannes 9. So etwas wissen Theologiestudenten.

Vesper näher am wahren Kern des Abendmahls?

Sie diskutieren über das Verhältnis zur orthodoxen Kirche, das zur katholischen und ob die Vesper nicht doch irgendwie näher am wahren Kern des Abendmahls rühre. Gemeinsam essen, miteinander sprechen. „Die Hostie empfangen, das hat doch etwas von einer Medikamenten-Ausgabe im Krankenhaus“, meint Sebastian lachend. 

Moment der Tolerenz und des gegenseitigen Respekts

K 28 bis K 30 sind die Tischnummern der Berliner. Mit viel Liebe zum Detail decken Sebastian, Florian und Katrin ihre Tische. Die Frage nach der religiösen Toleranz bewegt sie alle. Politisch sind sie, wie viele in ihrem Alter. Aber auf der anderen Seite ist ihnen die Beliebigkeit in der evangelischen Kirche fremd. Dieser moderne Christenpop, der beim Eröffnungsgottesdienst die traditionelle Kirchenmusik verdrängt habe, lade ja nur ein zum Fremdschämen. „Aber dann: bei der Bibelarbeit heute Morgen, ein Posaunenchor und Guter Gott wir loben Dich, Ram, Tam, Tam“, ruft Sebastian seinen Mitstreitern zu. So sollte es sein. Eine Melodie, die jeder kennt und unzählige Stimmen. Das sei erhebend. Und die orthodoxe Vesper heute Abend? Sie sei vielleicht keine Eucharistiefeier im theologischen Sinn, aber die Vesper wird ein Moment der Toleranz und des gegenseitigen Respekts sein. Keine Revolution sondern Fortschritt. Die Vielfalt der Kirchen, die Unterschiede, seien doch ein kultureller Reichtum. Da sind sie sich einig. Und wenn es diese Schublade für angehende Theologen noch nicht gibt, dann kreieren sie sie eben selbst.

Die Hoffnung: Heiligenschein über dem Odeonsplatz

Sie witzeln, fragen sich, ob es denn wohl auch Toiletten entlang der Tischmeile gebe. Bei 0,3 Liter Wasser pro Tischgast sei das wohl nicht nötig. Leicht waren die Kisten auch nicht. „An der Ökumene hat man schwer zu tragen“, meint Katrin und bringt so manche Umstehende zum Lachen. Und dann gesellen sich die ersten Gäste. Florian Tisch ist schon fast voll mit einer Gruppe protestantischer Wilhelmshavener. Er ist momentan also Führender im Gesamtklassement. Aber es ist ja nicht wirklich ein Wettstreit, meint Sebastian. Das Wetter ist gut. Es regnet nicht. Und vielleicht gibt es ja sogar eine blaues Loch, genau über dem Odeonsplatz, meint Sebastian: „Wie ein Heiligenschein!“ Karola Kallweit

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