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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Aufgeheizte Debatte über sexuellen Missbrauch

Jesuitenpater Klaus Mertes: "Kritik ist keine Majestätsbeleidigung"

Bei der zentralen Veranstaltung zum Thema Missbrauch auf dem Ökumenischen Kirchentag haben Opfer versucht, die Debatte auf dem Podium zu unterbrechen und zu verhindern. Ein Missbrauchsopfer trat zur Bühne und forderte den Jesuitenpater Klaus Mertes auf, seinen gerade begonnenen Vortrag abzubrechen.

Mit Rufen wie "Geben Sie uns eine Stimme" und "Lügentheater" drängte Norbert Denef, Sprecher der Opferorganisation NetzwerkB, darauf, dass Betroffene selber zu Wort kommen sollten. Mehrere Minuten konnte Mertes, der als Rektor des Canisus-Kollegs in Berlin die Debatte in Gang gesetzt hatte, mit seinem Vortrag nicht fortfahren.

Nach Intervention der Moderatorin setzte Mertes seinen Beitrag fort. "Sie haben vollkommen recht: Nicht ich habe das Schweigen gebrochen, sondern die Opfer haben das Schweigen gebrochen", sagte der Jesuit.

4 000 Besucher spenden Applaus

Über 4 000 Besucher in der Messehalle C1 verfolgten die Debatte. Mertes erklärte, die Opfer hätten einen Anspruch auf eine Antwort aus der katholischen Kirche. Er zitierte Berichte von Opfern, die sich über den Umgang mit Sexualität in der Kirche beschweren und appellierte an die Kirche, die Krise als Chance zu nutzen. Das Publikum unterstützte den Jesuiten mit starkem Applaus.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche, erntete hingegen Buhrufe, als er erklärte, jetzt sei nicht die rechte Zeit, um über Kirchenpolitik zu reden. „Ich bin erschrocken vom Ablauf der Veranstaltung“, so Ackermann, "die Opfer geraten aus dem Blick".

Zuvor hatte Mertes betont, auch die Frage nach Machtstrukturen in der katholischen Kirche müsse gestellt werden. „Wenn Kritik immer schon Majestätsbeleidigung ist, dann rieche ich Anfälligkeit für Machtmissbrauch.“

Umgang mit Sexualität in der Kirche

Auch der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller forderte Reformen. Frauen als Priester wären eine Bereicherung für die Kirche, erklärte der Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach. „Was im Moment nur halb ist, würde ganz werden“, sagte er mit Blick auf die katholische Priesterschaft.

Der Umgang mit der Sexualität in der Kirche wäre besser, wenn auch Frauen in Leitungsfunktionen präsent wären. Außerdem erklärte Müller: „Es gibt keinen Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch.“ Das Problem sei eine unreife Sexualität bei vielen Priestern. „Sie sind nicht pädophil, aber sie handeln so.“

Meinung der Zuschauer zur Diskussion