Matthias Politycki: Trotzdem
Nackt wölbt sich das Meer, häßlich und alt,
es wartet
auf nichts,
am allerwenigsten auf dich
und was du dir bei seinem Anblick
als Honig aus den Fingern saugen möchtest.
Es ist ihm völlig egal,
ob du beim andächtigen Betrachten
ganz von alleine ins Versmaß verfällst
oder, wortlos verstummt,
den nächsten Sonnenaufgang ersehnst
: Das alte Meer und der Mann :
Trotzdem sitzt du da,
starrst auf die anschwappende Welle,
hörst auf die verklingende Wucht,
und wartest auf einen Morgen,
wie du ihn niemals zuvor
auch nur zu träumen gewagt
Eines noch
Nicht mehr gierig sein,
nichts mehr erhoffen, befürchten,
nur noch am Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft
drauflossitzen und
selbstverständlich werden,
freundlich, aber kein Tölpel,
friedlich, aber nicht harmlos,
gelassen, aber nicht gelangweilt
Am Ende eine Schale Erdbeeren
beim bloßen Betrachten schmecken,
eine frischgemähte Wiese riechen,
indem man gerne an sie denkt
Und dann, nach ein paar Jahren
an Vorlaufzeit mit oder ohne Fasten,
dann einmal noch sich konzentrieren
und den Kleinhesseloher See
mit einem einzigen Schluck
austrinken, das wär’s.
Matthias Politycki, geboren 1955 in Karlsruhe, lebt in Hamburg und München.



