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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Kirche

von Dorothea Sattler/ Joachim Track

Das Wort Kirche (ekklesia) kann im Neuen Testament sowohl die einzelne Gemeinde als auch die Kirche als Ganze bezeichnen. Im Wirken Jesu war der Ruf in die Nachfolge zugleich eine Einladung zum Eintritt in eine von der anbrechenden Gottesherrschaft geprägte Lebens- und Weggemeinschaft. In der Begegnung mit dem Auferstandenen entsteht die Gewissheit, dass der Tod am Kreuz nicht das Ende bedeutet, Gott den gekreuzigten Jesus ins Recht setzt und in und durch Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt hat. Der auferstandene Herr selbst sammelt in der Kraft des Heiligen Geistes seine Jünger und Jüngerinnen zu einer Gemeinde (Pfingsten). 

In der Hoffnung auf den bald wiederkommenden Herrn verstehen sich die ersten Christinnen und Christen als die herausgerufene, ihrem Herrn gehörende Gemeinde Gottes. Sie erkennen als ihren Auftrag, das Heil in Christus nicht nur innerhalb Israels, sondern aller Welt zu verkündigen (vergleiche »Zeugnis und Dienst«).
Ausdifferenziert wird das Verständnis von Kirche in den Bildern als »Leib Christi« und als »Volk Gottes«. Kirche ist eine Gemeinschaft von Gliedern, die gleichberechtigt aufeinander verwiesen sind und deren unterschiedliche Gaben füreinander in Dienst genommen werden. Kirche ist die Versammlung der Gläubigen, die durch Jesus Christus zu neuer Gemeinschaft mit Gott, zu neuer Gemeinschaft untereinander und zu neuem Leben befreit ist und geheiligt wird (communio). So gehören der unvertretbare Glaube des Einzelnen und die Berufung in die Gemeinschaft des Glaubens ursprünglich zusammen. In der Rede von Christus als dem Haupt des Leibes (Kolosser 1,18; Epheser 4,15) wird hervorgehoben, dass die Kirche den Grund ihrer Einheit nicht in sich selbst besitzt, sondern in Christus als ihrem im Geist gegenwärtigen und wirkenden Herrn. Kirche ist nicht Kirche aus eigener oder in eigener Vollmacht. Sie ist »Geschöpf« des Wortes Gottes. Sie wird konstituiert durch die Weisen, in denen Gott gegenwärtig sein und wirken will, in Wort und Sakrament.
Nach reformatorischem Verständnis kann wahre Kirche daran erkannt werden, dass in ihr das Evangelium gepredigt und die Sakramente gereicht werden. Kirche als Volk Gottes verweist darauf, dass das Priestertum aller Glaubenden und Getauften der Ausgangspunkt der Kirche ist. Jedes Amt ist Dienst an dieser Gemeinschaft der Glaubenden. Als das eine »endzeitliche Volk Gottes« weiß sich Kirche unterwegs in der Zeit und zwischen den Zeiten. Sie ist sichtbares Zeichen des Reiches Gottes, aber noch nicht seine Vollendung. Die eine, heilige, apostolische und katholische Kirche verwirklicht sich in einer erlebbaren und sichtbaren Gemeinschaft in einer Vielfalt von Gestalten. Zugleich ist jede um die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der Sakramente versammelte Gemeinde eine Verwirklichung der universalen Kirche, des ganzen Gottesvolkes.
In diesem Verständnis herrscht zwischen den Konfessionen weitgehend Konsens. Strittig aber sind besonders die Fragen der »Sakramentalität« und der genaueren Bestimmung der »Apostolizität« der Kirche (vergleiche »Amt«).
Die Kirchen der Reformation betonen ihren unverfügbaren und geschenkten Grund im Handeln des dreieinigen Gottes und die Differenz zwischen Christus als Herrn der Kirche und der Kirche. Gott vergegenwärtigt sich durch Wort und Sakrament in der Kirche und allenfalls in abgeleiteter Weise in der und durch die Kirche, indem diese ihren Dienst an der Verheißung tut und aus dieser Verheißung lebt. Demgegenüber kann in der römisch-katholischen Kirche von Kirche als Sakrament und von der Einheit Christi mit seiner Kirche als dem Ort der Heilsvermittlung gesprochen werden. Kirche ist nicht nur Werkzeug, sondern auch erfahrbare Repräsentanz des Neuen, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Diese unterschiedlichen Auffassungen zeigen sich auch in der Unterscheidung zwischen unsichtbarer (besser: verborgener, geglaubter) und sichtbarer Kirche. Nach reformatorischem Verständnis ist nicht jede Gestalt der Kirche wahrer Ausdruck der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. So kann nicht nur von Verfehlungen, von Sünden der Menschen in der Kirche gesprochen werden, sondern auch von der Kirche selbst als Sünderin. Empirische Kirchen können zur falschen Kirche werden, wenn das ihnen aufgetragene Zeugnis durch Wort und Tat verfälscht wird. Gegenüber dieser Deutung ist die römisch-katholische Sicht davon bestimmt, dass in der römisch-katholischen Kirche durch die Zeiten hindurch – wenn auch gebrochen und immer reformbedürftig – die eine unsichtbare (geglaubte) Kirche sich verwirklicht, die bis zum Ende der Zeiten bestehen wird.
Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich die römisch-katholische Kirche — anders als bisher offiziell die orthodoxen Kirchen — für die Einsicht geöffnet, dass die wahre Kirche Jesu Christi nicht allein die römisch-katholische ist, auch wenn sie sich in ihrer Fülle verwirklicht. Von anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften kann gesagt werden, dass Gott auch sie zu Mittlern des Heils machen kann und in ihnen Menschen die frohe Botschaft des Heils vernehmen. Umgekehrt erkennen die Kirchen der Reformation bei allen Differenzen im Kirchenverständnis an, dass die römisch-katholische Kirche eine sichtbare Gestalt der wahren Kirche ist, in der das Wort Gottes gepredigt wird und die Sakramente gereicht werden. Das gibt auf dem gewiss noch schwierigen Weg Hoffnung, dass die Kirchen in differenzierter und auch selbstkritischer Entfaltung ihrer Sicht- weisen auf dem Grund eines gemeinsamen Verständnisses des Evangeliums zu »einer vollen Kirchengemeinschaft, einer Einheit in Verschiedenheit gelangen, in der die verbleibenden Unterschiede miteinander versöhnt würden und keine trennende Kraft mehr hätten« (»Gemeinsame offizielle Feststellung« zur Erklärung von Lutheranern und Katholiken über die Rechtfertigungslehre; vergleiche »Rechtfertigung«).

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