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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Rechtfertigung

von Dorothea Sattler/ Joachim Track

Vom rechtfertigenden Handeln Gottes spricht der Apostel Paulus, wenn er den Grundsinn seines Verständnisses vom Evangelium und seines Eintretens für die Heidenmission entfaltet. Gegen allen Widerspruch des Menschen schenkt Gott in seiner Gerechtigkeit, in seinem Versöhnungshandeln in Jesus Christus einen neuen Anfang und gibt seiner Schöpfung Zukunft.
Gott erweist seine Gerechtigkeit, indem er den sündigen Menschen gerecht spricht und gerecht macht, ihm neue Gemeinschaft mit Gott, neues Leben jetzt und über den Tod hinaus eröffnet. So bricht mit dem Kommen Jesu Christi die neue Zeit schon mitten in unserer Wirklichkeit an. Diese Gerechtigkeit verdankt sich der ungeschuldeten Gnade Gottes. Durch den Glauben, der sich dieser Zusage anvertraut, wird das Rechtfertigungsgeschehen erfahrbare Wirklichkeit. Solchen Glauben will Gott in der Kraft des Heiligen Geistes in uns wecken. Im Glauben verändert sich die Beziehung des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt. Leben und Handeln sind nun vom Freispruch und Zuspruch der Gerechtigkeit Gottes bestimmt. Immer wieder spricht Paulus die Christinnen und Christen darauf an, die Rechtfertigung so Gestalt gewinnen zu lassen, dass uns die im Glauben erfahrene Liebe Gottes ansteckt, wir in und aus Liebe handeln. Befreiung aus Rechtfertigung bedeutet nicht Bindungslosigkeit, sie unterstellt den Menschen der Herrschaft Christi.
Diese Auslegung des Heilshandelns Gottes ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Es gibt in der Geschichte der Kirchen eine Geschichte von Durchbrüchen der Rechtfertigungseinsicht, bei Augustin, Thomas von Aquin, Martin Luther, in der Wiederentdeckung der Bedeutung der Rechtfertigungslehre im 20. Jahrhundert. Es gibt aber auch eine Antigeschichte, in der die Rechtfertigungseinsicht in den Hintergrund gedrängt, kritisiert und abgelehnt wird. In dieser Antigeschichte begegnen uns in verschiedenen Varianten folgende Anfragen: Wie kommt der grundlegende Rechtfertigungszuspruch ins Leben, zur Erfahrung? Wie verhält sich die Rede von Rechtfertigung und Glaube als Geschenk zur menschlichen Mitwirkung? Wird damit nicht die menschliche Freiheit in Frage gestellt und der Mensch aus der Verantwortung zur rechten Vorbereitung auf den Gnadenempfang für die Werke in der Heiligung entlassen? Widerspricht der Rechtfertigungsglaube nicht der Einsicht des Menschen in die Verantwortlichkeit für sein Leben und seine Welt? So wird die Rechtfertigungseinsicht sowohl zum Ort der Unterscheidung zwischen christlichem Glauben und anderen religiösen oder philosophischen Vorstellungen als auch zum Grund von Auseinandersetzungen und Trennungen zwischen den und innerhalb der Konfessionen. Martin Luther erkennt in seinem Ringen um den gnädigen Gott: Es kommt alles darauf an, dass sich der Mensch dem Geschenk der barmherzigen Zuwendung Gottes anvertraut und als der gerecht gesprochene und befreite Sünder immer wieder neu aus der Zusage lebt, gerechtfertigt zu sein. Sonst bleibt der Mensch auf sich und seinen Beitrag zum Empfang der Gnade bezogen und erfährt nicht das befreiende Ja Gottes. Deshalb betont Luther in seiner Auslegung der Rechtfertigungsbotschaft das dreifache »allein« – Christus allein, die Gnade allein, der Glaube allein –‚ wie es sich ihm aus der Schrift erschlossen hat.
Nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen ist es am Ende des 20. Jahrhunderts zu einer Verständigung in der Rechtfertigungslehre gekommen. In der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre kam es zur ersten offiziellen Übereinkunft zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Kirchen des Lutherischen Weltbundes seit 500 Jahren.
Allein aus Gnade, so haben Katholiken und Lutheraner schon immer gemeinsam gesagt, werden wir gerettet. Nun können sie bekennen: Allein aus Glauben werden wir gerechtfertigt. Dieser Glaube ist ein Vertrauen, das unser Leben von Grund auf verändert und das uns geschenkt wird. Dieser Glaube befreit den Menschen dazu, Gutes zu tun. Die Rechtfertigungslehre ist Maßstab oder Prüfstein des christlichen Glaubens. Keine Lehre und Praxis der Kirche darf diesem Kriterium widersprechen. Der Konsens muss sich, so wird festgestellt, im Leben und in der Lehre der Kirchen auswirken und bewähren, insbesondere im Ringen um ein gemeinsames Verständnis ihrer Autorität, ihrer Einheit und des Amtes in der Kirche. Gemeinsam stehen die Kirchen in der Verantwortung, die Bedeutung der Rechtfertigungseinsicht heute zu entfalten.

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