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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Schrift und Tradition

von Dorothea Sattler/ Joachim Track

Wie das Verhältnis zwischen der Erkenntniskraft der biblischen Zeugnisse und der kirchlichen Tradition theologisch angemessen bestimmt werden kann, das ist zwischen den Konfessionen — besonders seit der Reformationszeit — strittig. Unter Berufung auf die Heilige Schrift, aus der sich allein Gottes wahrer Wille erschließt, hat Martin Luther Missstände in der Bildung kirchlicher Tradition ausgemacht.

Die ökumenischen Dokumente zu Verständnis und Auslegung der Schrift zeigen eindrücklich, dass sich alle christlichen Kirchen im Dialog als Institutionen wiedererkannt haben, die allein die von Gott selbst ermöglichte Offenbarung seines Wesens und Willens verkündigen möchten. Der Ausgangspunkt für ökumenische Äußerungen zum Verständnis der Schrift ist die Rede von dieser Offenbarung. Einheit und Mitte der Schrift bestehen in der Einheit Gottes. Er hat in der Geschichte Israels und im Christusereignis die Mitte seines Heilswillens in Zeit und Geschichte bekundet. Auf breiter Basis besteht zudem Übereinstimmung, dass die kirchliche Tradition positiv zu bewerten ist. Die Heilige Schrift ist eine Gestalt der Tradition; sie ist Schrift gewordene Tradition. Ohne Überlieferung durch die Gemeinde wäre Gottes Evangelium nicht hörbar geworden. Der Prozess, in dem sich Tradition in den Glaubensgemeinschaften in biblischer Zeit gebildet hat, sowie der Vorgang, dass das Evangelium Schrift wurde, werden von den christlichen Kirchen als Ereignis verstanden, das sich Gottes Geist verdankt.
Es ist in den ökumenischen Gesprächen auch unbestritten, dass Gottes Wort uns in Menschenworten verschiedener Gestalt begegnet. Deren geschichtliche Bedingtheiten erfordern es, (auch) mit den Mitteln der wissenschaftlichen Schriftauslegung die Absicht der Aussage zu ergründen.
Als ökumenischer Grundkonsens kann gelten: Nur das Vertrauen der Gläubigen in die Wirksamkeit des Geistes Gottes begründet die Hoffnung, in der Wahrheit zu bleiben. Was bedeutet: Das Evangelium Gottes ist gemäß dem Ursprung und getreu der apostolischen Überlieferung weiterzusagen.
Einzelne Fragen von Verständnis und Auslegung der Schrift sind noch offen. Gegenstand der Kontroverse ist vor allem die römisch-katholische Lehre von der Möglichkeit unfehlbarer Lehrentscheide. Doch sind auch hier Annäherungen der Standpunkte unverkennbar: Die an den Gesprächen beteiligten römisch-katholischen Theologen binden diese Lehre in die Überzeugung von der Gegenwart des Geistes in der Gesamtheit der Glaubensgemeinschaft ein, die beim Geschehen der Rezeption verbindlicher Lehren deren Schriftgemäßheit zu prüfen hat, und sie weisen auf die Bruchstückhaftigkeit der Erkenntnis und die Vorläufigkeit ihrer geschichtlich bedingten Aussagegestalt hin. Auch die Kirchen in reformatorischer Tradition erkennen die Notwendigkeit verbindlichen kirchlichen Lehrens an, jede Lehre muss sich jedoch zu jeder Zeit daran messen lassen, ob sie der Schrift entspricht. Die Kirchen hoffen darauf, dass die Heilige Schrift sich im Hören der Glaubenden selbst interpretiert und keine menschliche Instanz benötigt, um sich Gehör zu verschaffen. Auch nach evangelischem Verständnis erfordert die öffentliche Wortverkündigung einen Auftrag. Immer steht dieses Amt aber unter dem Korrektiv der Heiligen Schrift. Nach römisch- katholischem Verständnis kann es jedoch Situationen geben, in denen Gottes Geist einem Menschen — dem Bischof von Rom — in solcher Weise Erkenntnis zur Schriftauslegung schenkt, dass durch ihn eine letztverbindliche Schriftauslegung geschehen kann.

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