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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Timo Brunke: Schutzengel mein

    Auf einen gleichnamigen Linolschnitt Georg Hellers

Psalm des an seinen Sehnenscheiden entzündeten frommen
Bildhauers Giovanni da Perugia di Monte,
gesungen im Jahr 1467 im Malvengarten hinter seiner Werkstatt.


Ich lobe meinen Schutzengel, der mir hilft
Ich preise meinen Schutzengel, der mir einen großen Segen gebracht hat.
Schutzengel mein, ich lobe dich, du hast mich errettet von den Klischees
Wie ein Engel zu sein hätte.
Wie er zu erscheinen, zu fliegen, zu singen hätte.
Da ich noch befangen war im Kinderglauben
Da flogst du einher mit befiederten Schwingen
Stattlich, aber sanft, mit Gewändern moosgrün und bischofsrot
Deine Locken dufteten wie Pistazien im Frühling, Engel mein
Wie Markisen auf einem Sonnendeck urlaubssatter Tanker...
Aber jetzt, schätze ich, wie du in Wahrheit duftest, Schutzengel mein,
Dein unniedlicher Auftritt ist hilfreich
Dein unangeklopfter Einfall ehrt meine Offenheit für die Schrecknisse Gottes
Deine Schlaufengestalt fasse ich nicht.
Wie auch sollte ich sie begreifen?
Dein Rückenmark ist ja voraussetzungslos
So brichst du das Meine entzwei, du Schutzengel mein
Als ich saß mit Sehnenscheidenentzündung in meinem Malvengarten
Unter Stauden im Spätsommerlicht gewiegt saß ich
Wie konnte ich damit rechnen, dass du kämst und die Stengel zerteiltest
Du pflügtest die Stauden meiner Malve wie der Minotaurus
Wie ein/der schrittst du durch ihn hindurch.
Wie du einbrachst in meinen Garten!
Schauriger schöner Schutzengel mein!
Deine Schenkel – Korsettbänder aus Metall
Deine Därme – Korsettbänder aus Metall
Wer hatte dich so kunstfertig gebogen?
In deiner Schmetterlingsraupenaureole
In deiner Maden- und Engerling-Gloriole
Wie furchtbar erscheinst du mir, Schutzengel mein?
Du hast meinen Werkzeugkasten geplündert
Mein Handwerk, mein Weltbild, meinen Halt
Du nahmst all das, was meine Ehre ausmacht, an dich
Du bist stärker als ich:
Deine Sonnensegelflügel, aufgefächert
Jedem Sonnenwind entgegengestreckt
Geben mich jeder galaktischen Einflüsterung preis.
Gedoppelte Toaster heizen deine Schwingen
In denen du die Stimmgabeln
Der himmlischen Heerscharen schmiedest!
Wie soll ich dich, Schutzengel, fassen?
Aus deinen Grammophonblüten quillt allessagendes Geraune
Du wirst mir immer unverständlich bleiben, Schutzengel mein
Und wie du atmest, riemengegürteter Herr der Riemen
Ein Lochatem, balsagestanzt aus Traubenzucker-Quartsextakkorden
Aus Hohenglaubenslibellen
Die mit Kaurischneckenhäuschen Huibuhh spielen!
Fruchtbarkeit, furchtbare Fruchtbarkeit
Kullert dir aus deinen Riemen
Aus deinen Minigolfhüttchen, die so gar nicht niedlich sind!
Andere Schutzengel müssen anders aussehen, wie wahr:
Müssen Locken tragen wie die von Raffael, wie in der Schampuh-Werbung
Haarpracht, die viel Pflege und Lotionen braucht –
Nicht so du, mein gerngestriemter Striegelengel!
Du hilfst nicht, wenn mir der Zucker zu Hause in der Küche ausging
Oder wenn die S-Bahn sich verspätet, dass ich den Anschlusszug verpasse...
Du hilfst nur, wenn die Sehnen meines Unterarms
Sich entzündet haben
Wenn ich, Giovanni di Perugia, einen Rauschgoldengel zu schnitzen anfange
Kommst du über mich und schlägst mich
Ich will keinen anderen Schutzengel bekommen, Schutzengel mein:
Was nützt es mir, wenn du mich vor dem Überfahren rettest
Aber dafür ein Märchenprinz bleibst?
Nein, du musst wirklich werden, Schutzengel mein
Mußt deine Wahrheit wie Laich und Kaulquappen ausgießen über mir
Mußt deine Hoheit wie Eintrittsbilletts
Für’s Farfalle-Museum in Pasta di Monte über mir ausstreuen
Wer dich erträgt, unbekannter Bekannter
Pate meiner Gefährdungen
Der wird auch den lieben Gott ertragen,
Wenn er kommt, dich zu sich zu holen.
Auf Sonnensegeln, die jedem Planetenstaub Durchlaß gewähren

Timo Brunke, geboren 1972 in Stuttgart, lebt dort.

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