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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Sylvia Geist: Feuerwerk

Pünktlich auf den Logenplätzen des Balkons
rettet sich das Publikum in die Vergleiche: Beleuchtung

nach Turner, qualmende Uferbäume von Ruisdael.
In der Bucht kreuzt ein kleines Löschboot auf

und ab zwischen den Vorstellungen, simulierten
Sternen aus echtem Magnesium und dem Pyromanen

Juli, bevor es die Fontänenflügel sinken lässt und abdreht
ins Off hinter dem knisternden Stadtwald.

Warum nicht sagen, wie es aussieht – so blickt man
vorbei ins Unwahrscheinliche. Auf der Promenade

wird ersten Blitzen applaudiert, aus den Händen
standhafter Optmisten blühen schon Schirme auf.

Makula


Ich sehe, wie meine Mutter blind wird.
Noch nichts, was es aufhält, das Fenster,
durch das der Tag die Farben schickt,
dieser Punkt, sagt sie, ist ein weißer Fleck
in der Optik. Es gibt teure Pillen, die nicht helfen,
ansonsten Obst. Die Äpfel, die sie schält,
sind inwendig umrundete Früchte, die Pupillen
folgen schon mehr pro forma der Klinge.

Gut, ihr zuzusehen, die meine Mutter ist und blind
jeden Apfel schälen kann, ihn in zwei, drei, in vier
gleiche Stücke teilen kann, gut, die glänzend
gelungenen Spiralen Schale zu sehen, das sicher
geführte Messer. Der Punkt schärfsten Sehens,
genannt Makula, ist, wenn sie richtig verstanden hat,
die geheime Schwäche des Auges. Keine Sorge,
die man sich dagegen machen könnte,

dass sie die Dinge wenig anders betrachtet als sonst,
das Frühstücksgeschirr mit festen Fingern, die Frucht
mit leichten, mit kühlen meine Stirn, den Rest
je nach der Form des Tages in ziemlich klarem Grau,
dabei begütigend in früherer Kontur, so mein Gesicht.
Gut, ihrer Hand zuzusehen, die meiner zwei,
drei, vier Teile reicht, einen ganzen Apfel, und sich
wieder zu sehen, ist gut, offenen Auges wie sie.

Sylvia Geist, geboren 1963 in Berlin, lebt in Hannover.

Mein ÖKT