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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Ralph Grüneberger: Am Lyoner Place Tobatel

bleiben die Menschen stehen
Bei laufendem Motor:
Autos kreißen am Postamt
Als wollten sie Brieftauben
     gebären.
Dazwischen, strafzettelnd, die
                         Gendarmerie.

Alexander Snitkowski blickt
Täglich auf die verblechte Straße.
An guten Tagen denkt er, Geigenbauer
     wie er
Könnten die Autokutschen erfunden
     haben
Bei all ihrer Symmetrie:
Boden und Unterboden, Zarge
Decke, Karosse, Rückspiegel
Und Wirbel, Schall-Löcher
Und Scheinwerfer.

Snitkowski, Wahlfranzose, aus
Dem Osten gekommen, mit
Einem Bild Gorbatschows
In der Brieftasche, sieht gequält
     aus
Hört er die Fließbandgeigen
Aus Fernost, die zu reparieren
Er nicht ausschlagen kann.

Sein Vater, ein Moskauer Violinist
Ließ ihn als Kind seine Geige
     öffnen.
Der Geruch des Holzes hat
Den Jungen seither nicht verlassen.
Der Geige Bodenholz
Von der Mittagsseite der Bäume
Der innewohnt der Eifer des Windes
Die Geduld des Regens
Der Liebenden Hochlust.

Italienische Weide, Dattelholz
Bombays, böhmische Tanne
Norwegens Fichte, Amerikas Ahorn
Deutsche Linde.

In Snitkowskis Werkstatt Odeur
Der Tinkturen, Firnisse und
Lacke aus Bernstein.
Er selbst fräst, feilt und schleift
Die Bausteine der Töne
Von Violine und Viola
Mit Taillen wie Schülerinnen.

Nach Fünf jeden Tag nimmt er
Ein jedes seiner Instrumente
     von der Wand
Und Snitkowski spielt Tschaikowski.
Nur für sich.

Ralph Grüneberger, geboren 1951 In Leipzig, lebt dort.

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