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Damit Ihr Hoffnung habt

2. Ökumenischer Kirchentag

München 12.-16. Mai 2010

Jan Wagner: australien

wir fingen mittags an:
wo sich die brücke in der brache
verlor, von fern die autobahn;
durch ein kaleidoskop zerbroche-

ner flaschen,
ein wurzelwerk von quecken
und alten teppichen; versteckt
hinter dem flüßchen,

dem abwasserrohr mit seinem biblischen
dunkel und dem schlichten
rinnsal, das es predigte.
wir gruben. hinter weißdornbüschen,

der kolonie von schilf, das paläon-
tologische autowrack, wie ein fossil
vom lehm verschluckt. ein fessel-
ballon

mit seiner werbung für bier
oder gelee
zog kühn jenseits der siedlung vorüber,
und ringsherum die glänzend schwarzen egel

entsorgter reifen, vollgesogen
mit schlamm und regenwasser,
die farbkanister, zerschlagen
und liegengelassen.

wir gruben; eine grille
verstummte und ein amselpärchen
hüpfte nervös um einen rostigen rechen,
die größere vogelkralle.

wie lange, bis wir es mit felsen
zu tun bekommen würden, kohle-
flözen
und erz? wie lange noch, bis irgendwo ein koala

die erde sich bewegen spürte,
um etwas seltsames zu sehen:
ein loch im boden, zwei verschmierte
jungen, die bis zehn

zu zählen versuchten, dann
verschwanden in dem mythischen, dem most-
richgelben abend, wo am rand
ein spaten steckte wie ein fahnenmast.

 

moorochsen

die dommel sah ich nie, versteckt
im schilf wie sich das schilf in ihr versteckte,
nie eines ihrer kunstsinnigen nester,
genäht aus licht und schatten, dachte stattdessen

erneut an wriggers’ herde,
die eines abends durch ihr gatter
gebrochen war und sich im moor verirrte,
das brüllen, das erst stunden später matter

und mutlos wurde, sich am ende legte,
dachte an all die körper, die versunken
unter dem trügerischen boden schwebten
wie zeppeline, groß und stumm, noch als die jungen

die nester längst verlassen haben mußten,
so daß ich, wenn wir uns am tor versammel-
ten, fröstelnd in das dunkel lauschten, wußte
oder nicht wußte: da, das war sie, die dommel.

Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin.

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